
Vortrag zur Bedeutung sozialer Suchdienste auf der Jahreskonferenz des Fachbereichs “Mensch-Computer-Interaktion” der Gesellschaft für Informatik am 8. September in Lübeck
Soziale Suchdienste wurden in jüngerer Zeit immer häufiger als alternative Suchansätze dargestellt. Bislang existieren jedoch kaum empirische Untersuchungen, die das Potenzial solcher Dienste als “Suchmaschine” hinterfragen.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes – in Zusammenarbeit mit den Unternehmen T-Online, Lycos und der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg – hinterfragt, welches Potenzial mit soziale Suchdiensten als alternativer Suchansatz einhergeht. Zu diesem Zweck wurde auf den Portalen von T-Online und Lycos im Frühjahr 2008 eine Umfrage durchgeführt. Ziel dabei war es, den Bekanntheitsgrad, die Nutzungsintensität, die Zufriedenheit sowie die Gründe für die Nutzung/Nichtnutzung algorithmenbasierter und sozialer Suchdienste zu hinterfragen. Weiterhin wurden Retrievaltests durchgeführt, um die Ergebnisqualität verschiedener Suchdienste auswerten zu können; dabei wurden die Suchdienste Google, Yahoo, Live Search, Lycos iQ, Yahoo Clever, Mister Wong und del.icio.us untersucht. Die zentralen Ergebnisse dieser Untersuchung – insgesamt lagen 915 auswertbare Fragebögen vor – lassen sich dabei wie folgt zusammenfassen; eine umfassendere Darstellung findet sich in der weiter unten zum Download zur Verfügung gestellten Präsentation sowie in dem als Buch veröffentlichten Projektbericht.
- Soziale Suchdienste sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur einem kleinen Teil der Anwender bekannt: 40 % der Befragten kannten keine Frage-Antwort-Dienste und 70 % der Befragten waren soziale Bookmarkdienste unbekannt. Im Gegensatz dazu waren mit algorithmenbasierte Suchmaschinen lediglich 1,6 % der Befragten nicht vertraut.
- 25 % der Anwender, die Frage-Antwort-Dienste kennen, nutzten diese Dienste mindestens einmal pro Woche. Zum Vergleich: 80 % der Befragten nutzen mindestens einmal pro Woche algorithmenbasierte Suchmaschinen.
- An Frage-Antwort-Diensten wurde kritisiert, dass die Antworten nicht zu den Fragen passen (36 % der Befragten) und viele Antworten nur schwer verständlich sind (27,7 % der Befragten). Die Hauptkritikpunkte bei algorithmenbasierten Suchmaschinen lagen hingegen in störenden Werbeeinblendungen (46 % der Befragten) und der zu großen Treffermenge (34 % der Befragten).
- Bei sozialen Bookmarksystemen sahen etwa 60 % der Befragten – die diese Dienste kannten – keinen Nutzungsgrund. Für zahlreiche Anwender blieb auch unklar, wie sie diese Dienste bedienen sollen. Ferner wurde die hohe Anzahl toter Links bei diesen Suchdiensten bemängelt.
- Ein grundlegendes Problem bereitet gegenwärtig das – für viele soziale Suchdienste essentielle – Konzept des Tagging: Fast 70 % der Befragten war mit diesem Konzept nicht vertraut. Weiterhin gaben 36 % der Befragten – die mit dem Tagging vertraut sind – an, selten oder nie Tags zu vergeben.
- Retrievaltests kamen schließlich zu dem Ergebnis, das die Ergebnisqualität sozialer Suchdienste zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht an algorithmenbasierte Suchmaschinen heranreicht. Insbesondere soziale Bookmarksysteme schnitten in diesem Test schlecht ab.
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass soziale Suchdienste zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur bedingt als alternativer Suchansatz fungieren können. Dem ist aber auch hinzuzufügen, dass diese Dienste für die Anwender dennoch einen hohen Nutzen stiften, z. B. im Form der Verwaltung persönlicher Linklisten oder Diskussionen bei Frage-Antwort-Diensten.
Die Projektergebnisse werden am 8. September auf der Jahreskonferenz des Fachbereichs Mensch-Computer-Interaktion der Gesellschaft für Informatik vorgestellt. Eine Kurzpräsentation der Ergebnisse steht an dieser Stelle zum Download zur Verfügung.