
AOL investiert nach TechCrunch mit der Huffington Post erneut in eines der bedeutendsten Online-Nachrichten-Portale und versucht sich damit als Medienunternehmen der neuen Generation aufzustellen. Dabei setzt das Unternehmen – das neben der Werbung mit Boris Becker vor allem mit einem der größten Fusionsdebakel aller Zeiten für Aufsehen erregte – maßgeblich auf werbefinanzierte Geschäftsmodelle und nimmt damit eine Gegenposition zum Hause Murdoch ein, wo man mit “The Daily” eine kostenpflichtige Zeitung für das iPad zu etablieren versucht.
Interessanter als die Auseinandersetzung mit dem Thema “paid vs. free content” sind jedoch die internen Veränderungen bei AOL, die jüngst “geleakt” wurden: “The AOL Way” titelt es auf dem Cover einer 58-seitigen und lesenswerten Präsentation, bei der insbesondere der Prozess zur Erstellung von Inhalten an Unternehmen wie Demand Media erinnert, die auf Basis einer Analyse von Suchanfragen und der am Werbemarkt erzielbaren Preise Prognosen erstellen, inwieweit man einen Artikel hinreichend über Werbung finanzieren kann. Wenn ein Artikel aufgrund einer solchen automatisch erstellen Prognose mehr als 10.000 Besucher und Einnahmen über US-$ 500 generiert, dann investiert man bei AOL zukünftig in die Erstellung der Inhalte, wobei einen Betrag von US-$ 250 nicht überschritten werden soll – eine grundlegend andere Arbeitsweise als in einer traditionellen Zeitschriftenredaktion. Es erstaunt daher auch nicht, dass eben diese selbsternannten Hüter des “qualitätsjournalistischen Grals” immer wieder auf die geringe Qualität solcher Content-Framen hinweisen. Journalismus von der Resterampe, so titelt zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Allerdings hat AOL mit der Übernahme der Huffington Post auch Zugriff auf ein Blognetzwerk mit mehr als 3.000 Bloggern erhalten, an dem sich unter anderem bereits Hillary Clinton beteiligte. Damit besteht für AOL grundsätzlich auch die Möglichkeit, Inhalte aus dem “Long-Tail” zur Abrundung eines ganzheitlichen journalistischen Auftritts bereitzustellen, die aufgrund einer automatischen Analyse im Stil von Demand Media ggf. nicht ohne weiteres erstellt würden. Als Blognetzwerk ist die Huffington Post weiterhin bestens mit offenen Schnittstellen oder der Aggregation und Hyperdistribution von Inhalten vertraut: Themen, die traditionellen Medienhäusern ebenso Zahnweh bereiten wie die weiter oben beschriebenen Geschäftsprozesse im Stil von Demand Media.
Gerade jedoch in diesen Prinzipien sieht AOLs CEO Tim Armstrong einen Ausweg aus dem so genannten Innovationsdilemma. Danach schaffen es zahlreiche Unternehmen nicht, den Höhepunkt ihres Geschäftsmodells rechtzeitig zu erkennen und frühzeitig in innovative Produkte zu investieren. Dieser Umstand erstaunt grundsätzlich auch nicht, da Menschen tendenziell eine Präferenz dazu entwickeln, an gewohnten und etablierten Ansichten, Arbeitsweisen und damit letztendlich auch an Geschäftsmodellen festzuhalten, mit denen sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen sammeln konnten. Diesem Dilemma sah man sich auch bei AOL gegenübergestellt und auf Basis der oben beschriebenen Ansätzen, will man diesem Dilemma entgehen.
Die Stimmen der Presse zu diesem Vorhaben fallen so unterschiedlich aus, wie fast jede Auseinandersetzung, bei denen die Verfechter alter und neuer Weltansichten aufeinander treffen. Fakt ist jedoch: Die Medienindustrie ist wie keine andere von der Digitalisierung betroffen. Und Unternehmen wie AOL scheinen zumindest von der Papierlage her weitaus offener für neue Geschäftsansäte im digitalen Zeitalter zu sein, als es die traditionellen Medienhäuser derzeit noch sind; natürlich müssen diese Geschäftsansätze ihr finanzielles Potenzial noch unter Beweis stellen. Das IT-Unternehmen wie Apple, Google und nun offenbar auch AOL in der “neuen Medienindustrie” eine immer stärkere Rolle einnehmen erstaunt jedoch nicht, da bei diesen Unternehmen eine geringe Distanz zu technischen Themen besteht. Diese Distanz fällt bei den etablierten Medienhäusern aufgrund ihrer Historie naturgemäß größer aus, weshalb sie deutlich stärker mit dem Innovations-Dilemma und den mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen einhergehenden Veränderungen zu kämpfen haben. Damit haben IT-Unternehmen naturgemäß einen Wettbewerbsvorteil, um sich im schnell wandelnden Medienumfeld als starke Player zu etablieren, ob es den bisherigen Hausherren gefällt oder nicht.
Was lernen wir nun daraus? “Wenn man den Sumpf trocken legen will, darf man nicht die Frösche damit beauftragen”, so lautete zumindest das sinngemäße Zitat des CTOs einer größeren TV-Senderfamilie, mit dem ich mich auf dem WebScout-Kongress 2010 zu diesem Themenkomplex ausgetauscht habe.











One Response to “AOL: The Next Generation Media Company?”
Vielen Dank für die Recherche und die Verknüpfung zu dem gegenwärtigen Innovationsdilemma.