Mobile Webanwendungen: Applikation oder Webseite?

By 14. Juni 2009 PM/UX 3 Comments
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Im zunehmenden Maße wird aktuell über die Potenziale des mobilen Webs debattiert. In diesem Beitrag werden vor diesem Hintergrund die folgenden Punkte aufgearbeitet:

  • Entstehungsgeschichte und Einsatzszenarien mobiler Produkte
  • Technische Herausforderungen bei der Entwicklung mobiler Produkte
  • Vor- und Nachteile von mobilen Webseiten im Vergleich zu mobilen Applikationen

Entstehungsgeschichte und Einsatzszenarien mobiler Produkte
Das Mobiltelefon hat in den letzten drei Dekaden eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Innerhalb von 35 Jahren ist die Zahl der weltweit eingesetzten Mobiltelefone von null auf rund 3,3 Milliarden angewachsen (vgl. Abb. 1). Zum Vergleich: Das Fernsehen existiert bereits seit über 60 Jahren und es befinden sich weltweit „lediglich“ 1,5 Milliarden Geräte im Einsatz. Auch das Automobil kommt in seiner hundertjährigen Geschichte weltweit nur auf 800 Millionen Fahrzeuge. Wenngleich die Kosten eines Fahrzeugs sicherlich nicht mit denen eines Mobiltelefons vergleichbar sind, verdeutlichen diese Zahlen dennoch die hohe Relevanz der mobilen Kommunikation und das Potenzial des mobilen Webs: Über das Mobilfunknetz sind mehrere Milliarden Menschen theoretisch global und jederzeit erreichbar und es eröffnet sich eine bis dahin nicht gewesene Zugriffsmöglichkeit auf Inhalte und Informationen.

Abb. 1: Verbreitungsgrad verschiedener Produkttypen (vgl. Ahonen/Moore 2007)

Die Vision des mobilen Webs wird vor diesem Hintergrund bereits seit geraumer Zeit verfolgt und gipfelte im August 2000 in der Versteigerung der UMTS-Lizenzen für etwa € 50,9 Milliarden. Aber erst im Jahr 2004 starteten die ersten UMTS-Netze und es dauerte weitere vier Jahre, bis sich dieser Standard im größeren Stil durchsetzen konnte. Diese starke Zeitverzögerung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass –  streng genommen – erst mit dem iPhone ein Endgerät zur Verfügung gestellt wurde, dass eine anwenderfreundliche  Benutzerführung im mobilen Web ermöglichte.

Abb. 2: Entwicklung mobiler Endgeräte 1990 – 2010

Mittlerweile haben alle Handyhersteller ihre Endgeräte für die Mobile-Media-Nutzung optimiert und es zeichnet sich ab, dass die bereits im Jahr 2000 forcierte Vision des mobilen Webs knapp zehn Jahre später die bereite Masse erreicht. Es erstaunt daher nicht, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema auch für Online Produktmanager immer wichtiger wird, nicht zuletzt da internetfähige Mobiltelefone die Möglichkeiten zur Kundenansprache und -interaktion im Vergleich zum stationären Internet deutlich erweitern. Diese Lösungen können von einfachen Navigationsdiensten über Preisvergleiche für verschiedene Geschäfte bis hin zu Lösungen im Bereich Mobile Ticketing reichen.

Abb. 3: Ausprägungsformen mobiler Produkte (in Anlehnung an Goldmedia 2008)

Technische Herausforderungen bei der Entwicklung mobiler Produkte
Die Beispiele für die Einsatzfelder mobiler Produkte ließen sich an dieser Stelle ohne größere Probleme über mehrere Seiten hinweg fortführen. Im weiteren Verlauf erscheint es jedoch wichtiger, für die grundlegenden Unterschiede bei der Entwicklung mobiler Anwendungen im Vergleich zu traditionellen Online Produkten zu sensibilisieren, da hier mitunter deutliche Unterschiede existieren. Sie sind vor allem auf den geringen Standardisierungsgrad und der damit korrespondierenden Vielfalt an Endgeräten, Betriebssystemen und Browsern in diesem Umfeld zurückzuführen. Beispielsweise sind die Endgeräte mehrheitlich mit unterschiedlichen Betriebssystemen ausgestattet, die wiederum nur bestimmte Browser unterstützen. Dies hat unter anderem zur Folge, dass eine Client-Anwendung auf dem iPhone komplett neu erstellt werden muss, damit sie auf der von Google forcierten Plattform Android fehlerfrei läuft. Mobile Webseiten erfordern im Gegensatz dazu zwar keine Installation und sind vom Betriebssystem unabhängig. Allerdings existieren bislang noch keine etablierten Audio-, Bild- und Videoformate. Hinzu kommt eine rasant steigende Zahl von Webbrowsern, die unterschiedliche Mark-ups (z. B. HTML, XHTML oder WML) erfordern. Möchte man ein Video für alle verfügbaren Plattformen anbieten, muss es folglich in unterschiedlichen Formaten aufgearbeitet und zur Verfügung gestellt werden, womit ein nicht zu unterschätzender Aufwand einhergeht. Die folgende Tabelle zeigt vor diesem Hintergrund die wichtigsten Unterschiede zwischen dem mobilen und stationären Internet im Überblick.

Abb. 4: Mobiles und stationäres Internet im Vergleich (vgl. Frederick 2009)

Kurz- und mittelfristig ist nicht damit zu rechnen, dass sich an der hier skizzierten Situation etwas ändert, da die Interessenkonflikte der involvierten Akteure zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu groß sind. So verfolgen etablierte Unternehmen wie Google, Vodafone oder Nokia zum Großteil inkompatible Plattformstrategien, wobei sie mehr oder weniger sämtliche Elemente der Wertkette im mobilen Web abdecken, angefangen von der Entwicklung von Betriebssystemen und Endgeräten über den Netzzugang und das Angebot von Inhalten bis hin zur Vermarktung mobiler Werbung (vgl. Abb. ##). Es bilden sich derzeit somit mehrere vertikal integrierte „Player“ heraus, die mehr oder weniger stark die gesamte Wertschöpfungskette im mobilen Web kontrollieren. Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass in den nächsten Jahren die Endgerätehersteller – in Kombination mit ihren  Betriebssystemen – am Anfang der Wertschöpfungskette zu weiten Teilen die Standards diktieren können. Die Akteure am Ende der Wertschöpfungskette müssen in so eine Situation folglich hohe Kosten in Kauf nehmen, um ihre Angebote fehlerfrei auf jede Plattform zu portieren; bezogen auf mobile Webseiten lässt sich jedoch auf verschiedene Middlewarelösungen zurückgreifen, um Webseiten für die jeweilige Kombination aus Endgerät und Browser mehr oder weniger automatisch auszuliefern (vgl. z. B. www.netbiscuits.com).

Vor- und Nachteile von mobilen Webseiten im Vergleich zu mobilen Applikationen
Weiterhin sind im Zuge der Entwicklung von Online Produkten Fragen zu klären, die im stationären Web zum Teil hinfällig sind. Beispielsweise zeichnet sich im stationären Internet der Trend ab, typische Desktop-Anwendungen zukünftig nur noch als Online Produkte anzubieten – in diesem Zusammenhang ist in der Regel vom Cloud Computing die Rede. Im Gegensatz dazu spielen installierbare Anwendungen bei Mobiltelefonen eine entscheidende Rolle, um mit dem Endgerät kommunizieren und z. B. auf GPS-Informationen zugreifen zu können, wodurch vollkommen neue Nutzungsszenarien ermöglicht werden. Angesichts dieser Entwicklung stößt man immer wieder auf die Frage, ob das eigene Produkt als Applikation für ein bestimmtes Mobiltelefon oder als mobile Webseite konzipiert werden sollte. Grundsätzlich gehen mit beiden Alternativen verschiedene Vor- und Nachteile einher, die es vor dem Hintergrund der unternehmensspezifischen Situation abzuwägen gilt:

Abb. 5: Vor- und Nachteile von mobilen Webseiten und Applikationen (vgl. auch Five Mobile 2009)

Die eigentliche Entscheidung für die eine oder andere Alternative sollte auf Basis der Diskussion folgender Leitfragen getroffen werden, die eine gewisse Orientierung in diesem Zusammenhang geben:

  • Welches Problem soll für welche Anwender gelöst werden, bzw. welches Ziel wird mit dem mobilen Produkt verfolgt? Es hat sich erweisen, dass eine 1:1 Portierung stationärer Webseiten auf mobile Endgeräte in den meisten Fällen nicht zum gewünschten Erfolg führt, da keine konsequente Ausrichtung auf den mobilen Use Case erfolgt und das Nutzungsverhalten im mobilen Web nicht ohne weiteres mit dem im traditionellen Internet vergleichbar ist.
  • Welche Endgeräte nutzt die anvisierte Zielgruppe? Handelt es sich dabei um eine wachsende, stagnierende oder sinkende Plattform? Gegenwärtig wird hauptsächlich das iPhone für das surfen im mobilen Web verwendet. Dieses Endgerät weist zwar nur einen Anteil von etwa 8 % am weltweiten Smart-Phone-Markt auf, allerdings werden über das iPhone über 40 % des mobilen Web-Traffics verursacht (vgl. http://metrics.admob.com).
  • Auf welche Funktionen muss bei einer Webanwendung verzichtet werden, wenn nicht auf die Funktionalitäten aus der jeweiligen Kombination aus Endgerät und Betriebssystem zurückgegriffen werden kann?

Im Grunde handelt es sich hierbei um grundlegende Fragestellungen, deren Bedeutung eigentlich unumstritten ist, bzw. selbstverständlich sein sollte. Allerdings lässt sich momentan bei mobilen Produkten – ähnlich wie vor wenigen Jahren beim Hype um das Web 2.0 – beobachten, dass es bei vielen Unternehmen nur noch um die Frage nach dem „Wann“ geht, ohne jedoch die Frage nach dem „Warum“ vollständig geklärt zu haben (vgl. hierzu auch Maaß/Pietsch 2008). Nicht zuletzt aus Kostengründen sollten weitreichenden Entscheidungen, wie die Erweiterung des eigenen Produktportfolios um mobile Produkte, jedoch nicht unüberlegt und nur der mobilen Anwendung willens erfolgen.

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