Mythos und Symbolik des Web 2.0
1 Jun
von Christian Maaß und Gotthard Pietsch
In der Unternehmenspraxis und Wirtschaftspresse wird momentan kontrovers über den Einsatz von Web 2.0-Technologien debattiert. Auf der einen Seite ist die Ansicht verbreitet, dass diese Technologien den Wettbewerb in allen Wirtschaftsbereichen beeinflussen: Beispielsweise konstatiert die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton: „Alle Unternehmen müssen sich auf Web 2.0 einstellen, da sie damit ihre betriebliche Effizienz erhöhen und Wettbewerbsvorteile generieren können.“ Auf der anderen Seite wird ein neuer Internet-Hype befürchtet, weil nur wenige Web 2.0-Unternehmen bisher nennenswerte Umsätze generieren. Sogar vielen bekannten und stark frequentierten Webseiten wie YouTube gelingt es immer noch nicht, die hohen Besucherzahlen mit einem wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsmodell zu verbinden. Offenbar besteht eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen den bisher nur begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten im Web 2.0 einerseits und dem (dennoch) hohen Interesse der Praxis an den damit assoziierten Technologien und Geschäftsmodellen andererseits.
Angesichts dessen ist es das Ziel des Beitrags, zentrale Ursachen dieser Diskrepanz zu identifizieren. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass sich diese Ursachen erschließen, wenn man die Einflüsse institutioneller (Verhaltens-)Regeln des gesellschaftlichen Kontextes sowie symbolischer Funktionsmechanismen der Internetökonomie berücksichtigt. Es wird verdeutlicht, dass die Diskussion um das Web 2.0 von gesellschaftlichen Rationalitätsmythen und einer spezifischen sozialen Symbolik geprägt ist, was wichtige Funktionen für die Sicherstellung des Ressourcenzuflusses (insbesondere Risikokapital) in der Internetbranche und damit für die Erfolgschancen der dort tätigen Unternehmen erfüllt.
Um diese Relevanz von Mythen und Symbolen zu verdeutlichen, wird folgendermaßen vorgegangen: Mit dem Fokus auf aktuelle Entwicklungstendenzen der Internetökonomie sowie der Unternehmenspraxis erfolgt zunächst die Charakterisierung des Web 2.0 und des Stands der Forschung zu diesem Thema. Auf dieser Grundlage wird verdeutlicht, dass die Diskussion um das Web 2.0, das große Interesse der Öffentlichkeit und nicht zuletzt der damit verbundene Ressourcenzufluss in die Internetbranche erheblich von institutionellen Regeln des gesellschaftlichen Kontextes beeinflusst sind. In diesem Zusammenhang richtet sich die Analyse zunächst auf die Betrachtung der (erheblichen) Einflüsse gesellschaftlicher Rationalitätsmythen. Im Anschluss daran wird herausgearbeitet, dass die Wirkung von Rationalitätsmythen durch den ausgeprägt symbolischen Charakter des Begriffs Web 2.0 nochmals verstärkt wird. Es zeigt sich, dass der Begriff Web 2.0 als Folge der sozialen Wirklichkeitskonstruktion von Sinnstiftungsprozessen eine symbolische Mittlerfunktion zwischen einer Vielzahl beteiligter Akteure begründet (z. B. Entscheidungsträger in Unternehmen, Unternehmensgründer, Venture-Kapitalgeber, Unternehmensberatungen, Business Angels) und ihre Bereitschaft zur Einbringung von Ressourcen fördert. Die Diskrepanz zwischen dem großen Interesse der Praxis einerseits und den bisher allerdings begrenzten wirtschaftlichen Effekten des Web 2.0 andererseits ist somit vor allem auf institutionelle Regeln des gesellschaftlichen Kontextes sowie eine symbolisch vermittelte Aktivierung von Akteuren und Ressourcen zurückzuführen. Dies verweist auf die hohe betriebswirtschaftliche Relevanz von Mythen und Symbolen in der Internetökonomie und einen weit reichenden Forschungsbedarf zu diesem Thema.
Verfügbarkeit: Der vollständige Beitrag ist zur Veröffentlichung in der “Zeitschrift für Management” angenommen und wird voraussichtlich im Heft 4/2008 erscheinen. Er basiert auf einem an der FernUniversität in Hagen entstandenen Diskussionsbeitrag.




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